Ein außergewöhnlicher Besuch

 

Eine besinnliche Kurzgeschichte:

 

Von der langen Predigt saß ich etwas ermüdet in der Kirche und beobachtete, wie die Sonne durch die wunderschönen, mit kleinen Ornamenten und Heiligenbildern bemalten Fenster der Kirche schien. Das Licht warf grüne, gelbe und rote Muster auf den Boden, die sich von Zeit zu Zeit vermischten und einen Tanz zu vollführen schienen. Draußen musste wohl der Wind den Himmel kräftig aufrühren, ansonsten wäre solch ein prächtiges Farbenspiel nie zustande gekommen.

 

Als ich so vor mich hinträumte fragte ich mich, ob die Menschen in diesem Gotteshaus einen starken Glauben und eine gute Verbindung zu Gott aufgebaut hatten, oder ob sie nur wegen des anschließenden Wirtshausbesuches, wie es am Land oft (leider) üblich war, zur Messe gingen. Ich schaute mich vorsichtig um. Einige Kinder rutschten auf der unbequemen Kirchenbank unruhig hin und her, was man ihnen nicht verübeln konnte auf diesen steinharten Holzbrettern. Die Mütter versuchten währenddessen entnervt ihre Kinder still zu halten, um endlich aufpassen zu können, was der Pfarrer heute erzählt. Bei einem alten Mann brauchte ich nicht lange zu suchen und glaubte, die Antwort in seinen sehnsuchtserfüllten Augen, die allem Anschein nach schon nach einem Schnitzerl mit Pommes gierten, zu finden. Belustigt wandte ich mich ab und unterdrückte ein Schmunzeln.

 

Dem Pfarrer nun aufmerksam folgend, vergaß ich alles um mich herum. Er klagte, dass die modernen Menschen keine Zeit mehr für den Glauben und allen Sinn für die Religion verloren hätten. Er meinte, dass die meisten Leute die inneren Werte vergessen hätten, dass nur mehr Geld und Macht zählen würden. Nicht das Sein, sondern das Haben sei eine Grundvoraussetzung für eine gute Beziehung. Leider hatte er zu einem großen Teil Recht. Ich ärgerte mich ein wenig, bis schließlich etwas mein Sichtfeld störte.

 

Angestrengt versuchte ich auszumachen, was es denn sei und erblickte den Übeltäter auf einem Blumenstrauß: ein kleiner brauner Schmetterling. Aufgeweckt, ja er wirkte fast aufgeregt, flatterte er von einer Blume zur anderen und erhaschte nun auch die Aufmerksamkeit der anderen Besucher. Plötzlich schien es sich der kleine Falter anders überlegt zu haben und flog geradewegs auf die Bibel zu, welche in der Hand des Pfarrers lag. Angekommen, setzte er sich mutig auf den Rand des Heiligen Buches und schlug seine Flügel auseinander. Nun schien er seelenruhig die Menschen zu beobachten. „Güte und Geduld, genau das strahlt er aus“, schoss es mir durch den Kopf. Seltsam verwirrt betrachtete ich den Schmetterling, wie er selbstverständlich auf der Bibel saß und dem Priester vertraute. Dieser dachte nicht einmal im Traum, ihn fortzuscheuchen oder auch nur eine Handbewegung gegen ihn aufzubringen. Ich hatte das seltsame Gefühl in diesem Falter einen Freund zu entdecken. Nein, noch etwas viel Wertvolleres – Ich glaubte in ihm Gott selbst zu erkennen.

 

Just in diesem Moment flog der Schmetterling wie aufgescheucht zum Flügelaltar und setze sich auf das Kreuz neben das Gesicht von Jesus. Dort blieb er eine Weile und ich warf einen Blick auf die Menschen in der Kirche, ob sie auch etwas bemerkt oder gespürt hätten. Als ich keine besondere Veränderung ihrerseits bemerkte, höchstens Langeweile und Ungeduld, sah ich wieder zum Altar zurück und versuchte den kleinen Falter auszumachen. Zu meinem Erstaunen konnte ich ihn nicht mehr auffinden und auch sonst nirgends entdecken.

 

Von meinen Gedanken ganz benommen, ging ich nach der Messe aus der Kirche und hing meinen Fantasien nach. So falsch konnte meine Annahme nicht gewesen sein, oder? In jeder Schöpfung Gottes ruht doch auch ein Stück von ihm selbst und meistens liegen in den kleinen Dingen des Lebens viel mehr, als man je erfassen kann.

 

Viel mehr als du oder ich.

 

 


von Silvia

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Kommentare: 4
  • #1

    anonym (Samstag, 02 November 2013 13:19)

    Hab' gehofft, dass trotz einer katholischen Schule, wenigstens die Homepage "religionsneutral" bleiben kann.
    Schade, falsche gedacht...

  • #2

    Redaktion buntStifter (Samstag, 02 November 2013 14:13)

    Liebe Leserin, lieber Leser,
    unsere Schülerzeitung steht für Vielfalt und soll den Schülerinnen und Schülern Raum geben, um sich kreativ auszutoben. Die Absicht der Verfasserin besteht sicherlich nicht darin, alle Leute mit ihrer Geschichte missionieren zu wollen. Viel mehr sollte es ein subjektiver Denkanstoß gewesen sein!

    Außerdem versuchen wir, themenbezogenen Journalismus zu betreiben. Da in Österreich Allerheiligen ein wichtiger Feiertag ist, lassen wir ihn auch auf buntStifter nicht hinten vor, genauso wie andere renommierte Zeitungen es machen.

    Wir hoffen aber, dass wir dich mit den nächsten Beiträgen wieder mehr ansprechen können.

    Liebe Grüße,
    deine buntStifter

  • #3

    leser#1 (Samstag, 02 November 2013 21:45)

    Ich finde diesen Text wirklich gut. Mir gefällt der Schreibstil sehr und die Geschichte ist wirklich anregend, "religionsneutral" hin oder her.
    In einer katholischen Privatschule neutral gegenüber dem Christentum zu schreiben ist doch ein wenig widersinnig oder?

  • #4

    Michael Haderer (Montag, 04 November 2013 00:03)

    Ein wirklich schöner Beitrag. Und voll von spannender Theologie :-)
    Danke.