Neu ist immer besser, oder?

Herrenstraße 44 – ein Nachruf

 

Gedanken zu alten Bauwerken, ihrer Wichtigkeit und ihrer Geschichte sowie zum Drang des Neuen. Neu ist doch eh immer besser, oder nicht?

 

Schon so manchem, der in letzter Zeit durch die Herrenstraße flanierte, wird aufgefallen sein, dass irgendetwas anders ist. Viele werden auf dem morgendlichen Schulweg – noch halb verschlafen und unaufmerksam – gar nichts bemerkt haben, aber die meisten werden die Baulücke gegenüber der Barmherzigen Brüder wohl nicht übersehen haben. Also ein Loch in der Straßenfront. Was entsteht hier wohl? Ein Wohnhaus? Ein Geschäft?

 

Tatsächlich wird hier eine Wohnanlage errichtet werden. Noch kann man nur eine leere Fläche und dahinter ein bisschen organisches Gewucher erkennen. Eine Baufirma will hier aber schon bald ein „klassisches Stadthaus mit voraussichtlich 16 Wohneinheiten und Tiefgarage“ aufziehen, wobei die Daten des Baubeginnes, ebenso der Fertigstellung noch nicht bekannt sind. Lange wird es aber sicher nicht dauern. Auch Pläne oder Entwürfe gibt es noch nicht – zumindest sind sie nicht im Internet.

 

Was ist eigentlich vor dieser Lücke in der Häuserzeile dort gestanden? Kann sich daran jemand erinnern? Wahrscheinlich eh so ein hässliches, herunter-gekommenes, altes Haus. Nichts Schönes oder Erhaltenswertes. So denken sicher viele, die da durch die Herrenstraße flanieren und ein leeres Grundstück bemerken.

 

Wohl schon seit über 200 Jahren befand sich auf dem Grundstück ein schönes Vorstadthaus. Einst standen in diesem Abschnitt der Herrenstraße nur solche Gebäude, die meist von ehemaligen Bauern bewohnt wurden, die im 18. und frühen 19. Jahrhundert nach Linz zogen, um dort ihr Glück zu suchen. Hier arbeiteten sie nun als Handwerker, als Arbeiter oder gingen anderen, ähnlichen Berufen nach.

 

Schließlich kam aber die Zeit der Industrialisierung und immer mehr Leute strömten in die Städte um als Arbeiter unter grausamen Arbeitsbedingungen und mit einem Hungerlohn ein „besseres Leben“ zu beginnen. Um die Massen an Proletariern zu beherbergen wurden unzählige große Zinshäuser errichtet, die man mit prächtigen Fassaden verzierte. Dahinter befanden sich aber bloß winzige Wohnungen ohne vernünftigen Standard. Die meisten der alten Vorstadthäuser wurden einfach rücksichtslos niedergerissen und gegen riesige Mietshäuser ersetzt.

Auch nach dem Krieg mussten viele dieser alten Gebäude zugunsten moderner Wohnblöcke beseitigt werden. Niemand dachte daran, dass die Vorgängerbauten, die nun schon meistens heruntergekommen und unkomfortabel waren, auch einen Wert hätten.

 

Heute gibt es in Linz nur mehr ganz wenige dieser Vorstadthäuser. Einst waren es schöne, gemütliche Gebäude, die nichts mit den kalten, grauen Stadthäusern unserer Zeit zu tun hatten und den Straßen so etwas wie eine dörfliche Atmosphäre gaben. Auch wenn die meisten von ihnen heutzutage in schlechtem Zustand sind, so sind es noch immer wertvolle, schützenswerte Denkmäler, die für die Nachwelt erhalten bleiben sollten.

 

Doch anstatt unsere schönen, alten Häuser zu erhalten, renovieren und wohnlich zu machen, reißen wir unser historischen Erbe einfach nieder und errichten hässliche Klötze die dann auch noch als „zeitlos“ und „ästhetisch“ gelten. Schade eigentlich.

 

 

 

Herrenstraße 44 im Frühling 2013
Herrenstraße 44 im Frühling 2013
Herrenstraße 44 im Jänner 2014
Herrenstraße 44 im Jänner 2014


von Tobi

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