Woher unsere Ortsnamen kommen #2


Hochmittelalter

 

In der Zeit um die Jahrtausendwende verändert sich vieles. Das Heilige Römische Reich entsteht und neue Herrscher sind im heutigen Österreich an der Macht. Das 11., 12. und 13. Jahrhundert prägten die Landschaft mit Sicherheit stärker als alle vorigen und nachfolgenden Jahrhunderte! Die Bevölkerung vergrößert sich rasend schnell, zahlreiche neue Siedlungen entstehen im eigentlich noch relativ dünn besiedelten Österreich. Fast alle heute existierenden Städte wurden zu dieser Zeit gegründet und auch die meisten Dörfer und Bauernhofe legte man damals an. Die Namen der entstehenden Orte horchen sich nun meistens schon wesentlich „deutscher“ an. Typische Bestandteile sind „berg“, „hof“, „wald“, „dorf“, „stadt“, „graben“, „kirchen“, „bach“, „ach“, etc… Das häufig anzutreffende „Ach“ bedeutet übrigens „größerer Bach“ oder „kleiner Fluss“.  „Steinach“ bedeutet zum Beispiel „steiniger Bach“, „Haslach“ lässt sich wohl von einem mit Haselnusstauden bestandenen Fließgewässer ableiten.

 

Vor allem für diese Zeit typisch sind auch die sogenannten Rodungsnamen, also Namen, die Rückschluss auf die Art der Rodung des Waldes geben. Das mittelhochdeutsche Wort für das Abholzen der Wälder war „reuthen“, im Dialekt „reithen“. Ganz häufig trifft man also auf Orte oder Felder, die irgendwie ein „Reit“ oder „Reut“ im Namen haben, beispielsweise Reitern, Gereuth, Reitersdorf, Reitenhof, im weiteren Sinne auch Rettenbach, Ried, Rothendorf, Roth, etc… „Rittersdorf“ verweist nicht etwa auf eine Burg sondern auf eine Rodung! Auch Namen mit „schlag“ (vgl. Kirchschlag, Schlägl – Abschlagen des Waldes), „holz“ (Abholzung), „brand“ (vgl. Brandstatt – Brandrodung), „fäll“ (vgl. Gfäll, Gföhl – Fällen des Waldes) sind Rodungsnamen. Das ebenfalls häufig auftretende „Schwend“ oder „Gschwand“ ist ein Hinweis auf folgende Art der Abholzung: Man beschädigte die Bäume so stark, dass sie abstarben. Nach einigen Jahren war der Wald tot und man konnte das Gebiet besiedeln.

 

Besonders wenn die Rodung eines Landstriches von einem Kloster oder einer anderen kirchlichen Instanz ausging, wurden zur Festigung der Macht häufig Kirchen gebaut und Pfarren errichtet. Hinweise darauf geben Namen wie „Sankt“ (Sankt Veit, Sankt Johann…), „Pfarr“ (Pfarrkichen im Mühlkreis) „Kirch“ (Kirchberg, Oberneukirchen) oder auch „Kappel“, was Kapelle bedeutet (Oberkappel).

 

Es gibt zahlreiche weitere vorwiegend hochmittelalterliche Toponymbestandteile, die sich ganz einfach deuten lassen. Kurz möchte ich noch folgende aufzählen:

-       Aigen, Eigen… = Eigenes Land, meist eines niederen Adeligen

-       Almend, Alm = Geimeindeland, gemeinsames, geteiltes Land

-       Bühl, Bichl, Pichl = kleiner Hügel

-       Eck, Egg = „Eck in der Landschaft“, also zu einem Eck zusammenlaufendes Gelände, zum Beispiel bei der Mündung zweier Bäche oder an einem „eckig“ zusammenlaufenden Berghang

-       Hag, Haag, Hagen = Von Zaun umgebenes Gelände, vgl. Gehege

-       Moos, Mös-, Moor, … = Moos, Sumpf (vgl. das auch falsch deutbare Mösendorf)

-       Münd, Gmünd, Gmunden = Mündung eines Gewässers

-       Point, Beunt, Baint, Paint, Bint, etc… = umzäuntes oder ummauertes Gelände

-       Scheid, Gscheid = Wasserscheide; also Pass oder Hügelkamm

-       Wang, Wenig, Wengen = Wiesenabhang, steile Wiese

-       Wörth, Werth, Wöhrd = Fluss- oder Seeinsel, auch Halbinsel

 


Spätmittelalter

 

Nach dem 13. Jahrhundert wurde Mitteleuropa von zahlreichen Krisen gebeutelt. Epidemien, Kriege und Hungersnöte machten nur mehr wenige neue Siedlungsanlagen notwendig, denn die Bevölkerung vermehrte sich kaum. Orte, die im 14. und 15. Jahrhundert angelegt werden, haben ähnliche Namen wie die des Hochmittelalters, man erkennt sie bloß an einer sehr regelmäßigen Siedlungsstruktur und gut geordneten, meistens streifenförmig angelegten Feldern.

 


Neuzeit

 

Auch nach dem Mittelalter wuchs die Bevölkerung Österreichs kaum. Erst im 18. Jahrhundert stellte sich wieder ein deutliches Wachstum ein. Die Landwirtschaft war aber mittlerweile so effektiv geworden, dass keine neuen Rodungen mehr von Nöten waren. Die Städte wuchsen, aber es wurden keine neuen Siedlungen gegründet.

 

Wenn der Artikel den ursprünglichen Plänen entgegen auch unerwartet lang geworden ist, hoffe ich trotzdem, euch einige vergnügliche Leseminuten bereitet und einen guten Einblick in die Ortsnamenkunde gegeben zu haben. Unter der Bedingung, dass ihr aufgepasst habt, könnt ihr nun, so bin ich sicher, die Bedeutung eines Großteils der österreichischen Ortsnamen entschlüsseln. Probiert es selbst aus!

 

Sollte ich nun jemandes Interesse für das Thema geweckt haben, kann ich gerne eine etwas längere Liste mit Toponymbestandteilen zur Verfügung stellen – schreibt´sis hoit einfach in die Kommentare. 



Kommentar schreiben

Kommentare: 0