Über die Schikanen des öffentlichen Nahverkehrs

In unserer Schule kommen viele von weither. Solch schon beträchtlich entfernte Orte wie Hörsching, Enns, Hellmönsödt können einige ihr Heim nennen; andere kommen gar aus dem wesentlich tieferen Mühlviertel oder diversen anderen zivilisationsfernen Gegenden. In Orten wie Kremsmünster, Ried, sogar Peilstein und Sarleinsbach stehen Häuser von Stifterschülern. Es kommt noch schlimmer: Sogar Niederösterreicher besuchen unsere Bildungsanstalt; das tief in den Ostalpen gelegene Waidhofen an der Ybbs ist, was die Entfernung betrifft rekordverdächtig. Stundenlang bringen all diese bemitleidenswerten Einschichtbewohner tagtäglich in engen Bussen und Zügen zu, unzählige Male müssen sie umsteigen, viele Kilometer mit schweren Schultaschen auf dem Rücken zu Fuß zurücklegen. So manchen neidischen Blick werfen diese Leute, wenn sie wieder einmal wenige Sekunden vor dem Glockenläuten erschöpft und vom Regen durchnässt ihre Füße in die Klasse setzen, auf die Linzer, die gemütlich die Hausübung nachschreiben und noch eine Stunde zuvor in ihren Häusern in tiefem Schlafe weilten.

Doch stimmt es, dass die Bewohner der Landeshauptstadt bequem und in wenigen Minuten zur Schule gelangen? Können sie tatsächlich am Montag ausschlafen wie andere am Samstag und sind sie nach dem Schulende wirklich in null komma nix wieder zu Hause?


Nein, dem ist keineswegs so! Ich, als stolzer Linzer sage euch: Auch wir haben es nicht immer leicht! Linz AG Linien und ÖBB machen die Fortbewegung mit dem öffentlichen Nahverkehr im Stadtbereich nicht selten zur Herausforderung.

Ich selbst bin am südöstlichen Fuße des Pöstlingberges, etwa in der Umgebung des Tiergartens, beheimatet. Gerade einmal 2,1 Kilometer in Luftlinie sind es von meinem bescheidenen Zuhause bis zur Stifterschule. Wie lange brauche ich, denkt ihr, des Morgens um ins Klassenzimmer zu gelangen?


Falsch! Eine Dreiviertelstunde! Es mag unglaublich klingen, aber 45 Minuten dauert es, um in Linz 2 Kilometer zu bewältigen. Denn: Aufgrund unmöglicher Fahrzeiten fällt die Pöstlingbergbahn als Schulwegbewältigungsmedium aus, genauso das Linzer Bussystem. Ich muss also zu Fuß zur Endhaltestelle der Linie 3 (Landgutstraße) hatschen und von dort mit besagtem Schienenfahrzeug nach einer durchschnittlichen Wartezeit von fünf Minuten zur Mozartkreuzung fahren. Mehr als eine halbe Stunde ist schon draufgegangen. Nach weiteren zehn Minuten Gehzeit bis zum dritten Stock (auch gefühlte 500 Stufen brauchen Zeit!) komme ich meistens erst kurz vor dem Läuten an.

Auch der Rückweg gestaltet sich gewöhnlich kaum leichter. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich euch hier eine wahre Geschichte, die mir selbst widerfahren ist, erzählen. Es passierte an einem jener verabscheuenswerten Dezembertage, an denen es gerade so warm ist, dass es nicht schneit, dafür aber der glegentlich eiskristalldurchsetzte Nieselregen in den Augen schmerzt und sämtliche Kleidung vollkommen durchnässt. Dazu noch ein kühles, beinahe orkanartiges Lüftchen... Unter diesen Bedingungen musste ich es innerhalb von 15 Minuten zum Hauptplatz, dem Ort, an dem zu jeder vollen und halben Stunde die Pöstlingbergbahn abfährt, schaffen. Ich eilte zur Mozartkreuzung, musste auf den dortigen Anzeigetafeln aber lesen, dass die nächste Straßenbahn noch 6 Minuten von der Haltestelle entfernt war. Mit dieser zu fahren konnte sich nicht ausgehen. Ich musste laufen. Und das ist, ich schwöre es, bei hunderten punschgierigen Christkindelmarktbesuchern und rücksichtslosen  Weihnachtsgeschenkshoppern, die zu dieser Zeit Hauptplatz und Landstraße bevölkerten, wirklich nicht leicht.

 

Völlig erschöpft kam ich also genau um 13:59 bei der Haltestelle an. Folgendes ereignete sich nun: Genau im selben Moment, in dem ich den Türöffner betätigte, setzte sich die Bergbahn in Bewegung und fuhr davon. Auch ein heftiges Anklopfen beim Führerstand des noch nur langsam rollenden Gefährts bewegte den Fahrer nicht zu Stehenbleiben. Ich war gezwungen, sieben Minuten auf die nächste Landgutstraßenstraßenbahn zu warten und dann noch eine Viertelstunde bei diesem Wetter per pedes zurückzulegen.

 

Ein weitere, nicht zu unterschätzende Schikane, ist der Bahnschranken der Mühlkreisbahn nach der Endhaltestelle der Tramway, der des Öfteren meinen Schulweg blockiert. Ausgerechnet zwischen sieben und acht Uhr müssen dort die ÖBBler ihre Züge verschieben, was ein Passieren des Bahnübergangs für Fußgänger und Autofahrer zwischenzeitlich unmöglich macht. Gutes Timing ist also am Morgen gefragt: Die Schranken sind nur ein paar Mal für einige Minuten offen. Wenn man aber diese Lücken nicht erwischt, steht man mitunter schon einmal fünf Minuten oder mehr.

 

Ein schicksalhaftes Geschehnis ereignete sich wieder einmal ausgerechnet an einem Tag, der sich nicht mit gutem Wetter rühmen konnte. Die Temperaturen waren damals weit unter dem Gefrierpunkt und ein mäßiger Wind machte das morgendliche Herumstehen vor jenem Schranken nicht angenehmer. Doch dieser wollte sich einfach nicht öffnen, nicht nach fünf Minuten, nicht nach 10 Minuten. Ungeduld machte sich unter den mittlerweile schon zahlreichen Wartenden breit. Ein illegales über-den-Übergang-Laufen kam aufgrund der ahnenden und entsprechend mahnenden Blicke einiger braver Mütter mit ihren kleinen Kindern nicht in Frage. So mussten ich und meine Leidensgenossen sage und schreibe 20 Minuten in eisiger Kälte ausharren. Zumindest konnte ich einmal die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, dem Lehrer zu sagen „Ich bin wegen der Bahn zu spät“ und dabei nicht zu lügen.

 

Stundenlang könnte ich noch so dahinschreiben, Geschichten gäbe es genug. Aber ich denke, das Verfasste reicht, um euch klar zu machen: Auch für Linzer ist der Schulweg kein Zuckerschlecken! Keineswegs soll dieser Artikel etwa eine Aufforderung zum Verzicht auf die Öffis oder gar ein Aufruf zum Autofahren sein. Von Letzterem ist dringend abzuraten! Am Morgen in Linz mit dem PKW herumzu…nun ja, -stauen, ist nicht nur schlecht für die Umwelt und die Ersparnisse, nein, es ist auch nervenaufreibend und dauert inklusive Parkplatzsuche ohne Zweifel noch länger! Vielmehr soll dieser Artikel erstens zum Benutzen des Rades (Fahrzeit für meinen Schulweg: 20 Minuten!) oder gar der Füße auffordern; zumindest sofern dies möglich ist, und zweitens aufzeigen, dass das Wohnen in der Landeshauptstadt gar nicht so von Vorteil ist, wie viele glauben mögen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0