Geheimnisse des Stiftergymnasiums -Teil1


Für viele ist unser Schulgebäude nur ein fades Haus in der Linzer Innenstadt, dessen einziger Zweck seit Jahrzehnten die Malträtierung von Schülern ist. Triste Räume, genau so langweilig wie der Unterricht an manchen Tagen; alte Mauern, die nie anderes als Lehrer und Auszubildende in ihrem aufregungslosen Alltag zu Gesicht bekamen. Tatsächlich aber ist das Gemäuer voller Geheimnisse und spannender Geschichten. Die meisten Leute wissen gar nicht, wenn sie durch die Flure schreiten, wie viel es zu entdecken und erzählen gibt. In dieser Serie möchte ich euch einige der interessantesten Orte im Stiftergymnasium vorstellen.



 Das Stiegengeländer im Hinterhaus


Im Hinterhaus führt vom Erdgeschosse bis zur obersten Etage eine lange Granittreppe, begleitet von einem eisernen Geländer mit hölzernem Lauf. Spätestens jedem, der schon einmal gelangweilt daran gelehnt dem Unterrichtsbeginn harrte, werden die eisernen Zapfen, die an ihm nach oben stehen, aufgefallen sein. Wozu dienen diese? Sollen sie etwa verhindern, dass jemand, um schneller nach unten zu gelangen, das Geländer hinabrutscht und dabei schlimmstenfalls nach hinten, in den Treppenhausschacht fällt und das Zeitliche segnet? Ist es etwa eine Maßnahme, um die Möglichzeit, sich bei Treppensteigen  festzuhalten zu gewährleisten können, sollte der Handlauf im Falle eines Maturastreiches wieder mit Seife eingeschmiert werden?


Um das Geheimnis zu ergründen, müssen wir viel tiefer in die Frühgeschichte unserer Schule zurückreisen – und zwar ins frühe 20 Jahrhundert, einer Zeit, in der sich das Gymnasium noch eines Knabenchores rühmen durfte, der zu den besten Österreich-Ungarns zählte und sich durchaus mit dem aus dem Stifte St. Florian messen konnte.


Tatsächlich steht der Erfolg jenes Sängerbundes in direktem Zusammenhang mit den mysteriösen Metallzapfen. Tatsächlich diente das Stiegengeländer – nun lüften wir das Geheimnis – ursprünglich als Kastrationsapparat für die pubertierenden Chorsänger. Um das Eintreten des Stimmbruches zu vermeiden, mussten die Knaben damals im Alter von zwölf Jahren den Handlauf hinunterrutschen, wobei die auch über die eisernen Zapfen ratterten und am Ende des Treppenabsatz des pubertätshormonspendenden Körperteils entledigt waren. 


Die schmerzhafte Prozedur begründete den großen Erfolg des Knabenchores des Adalbert-Stifter-Gymnasiums, welcher sich allseits großer Beliebtheit und Anerkennung erfreute und immer wieder Auftritte von Amerika bis sogar in den Fernen Osten hatte. Kaiser Wilhelm, Kaiser Franz Josef und sogar dessen berühmte Gattin Sisi gehörten zu den prominenten Zuhörern.


Als mit der Ausrufung der Republik im Jahre 1918 die Kastration der Nachwuchssänger verboten wurde, hatte die Erfolgsgeschichte schnell ein Ende. Eine kleine Anzahl unglücklich getroffener Kriegsinvaliden konnte den Ruhm des Chores anfangs noch kurz aufrechterhalten, aber am Ende der 1920er-Jahre war nur mehr ein unterdurchschnittlicher Schulchor vorhanden, dem man schließlich den Namen „C-Zweig mit musikalischem Schwerpunkt gab.“


Das die Kastration verbietende Gesetz aus den frühen Tagen der ersten Republik hat selbstverständlich bis jetzt noch Gültigkeit, dass man es damit allerdings hinter dicken Klostermauern mitunter nicht so streng sieht, zeigt uns heute noch der berühmte

Chor des Stiftes St. Florian. 


von Tobias

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