Die Körperwelten -Eine HERZenssache

Bild: Monika Fortschegger
Bild: Monika Fortschegger

Skurriler Friedhof, immenser Fortschritt für die Anthropologie oder unbegrenzt (un-)verständliche Faszination?

 

bunt.Stifter wurde eingeladen die Körperwelten zu besichtigen und sich totz all den kritischen Fragen und Ansichten eine eigene Meinung über diese besondere Ausstellung zu bilden, die einst lebende Menschen konserviert und die vielen Teile des Körpers so zur Schau stellt.

Die Vernstalter möchten diese ganz eigene Welt der Lehre über Anatomie, Stoffwechselvorgänge, Gesundheit und Lebensphilosophie nicht als Friedhof sehen und trotzdem kommt man nicht umhin einen kurzen Gedanken an diese Sichtweise zu verschwenden. Die Körperwelten sind viel mehr Präsentationen des Lebens. Das Bewusstsein für das Wunder Mensch soll wieder geweckt werden, denn es ist zu selbstverständlich geworden, dass wir auf der Erde wandeln. Das Bewusstsein für Gesundheit soll wieder auferstehen und uns zeigen, dass wir durch die vielen Laster, die uns heutzutage quälen, dieses Wunder Mensch verkommen lassen haben.

Ob beabsichtigt oder nicht führen uns die Plastinationen, die von Haut und Haaren befreit wurden, ebenfalls vor Augen, dass wir unabhängig von Alter, Geschlecht, Augen-, Haar-, Hautfarbe oder religiöser, politischer, sexueller Einstellung, doch alle gleich sind.

 

 

Plastinationsverfahren nach Günther von Hagens (1977 entwickelt)

Nach dem Tod wird die Verwesung durch Formalin gestoppt, somit kann man den Körper präparieren.

Weiters wird durch Azeton entfettet und entwässert. (es ersetzt das Gewebswasser und den Fettanteil). Dies wird im Vakuum wieder extrahiert und durch Kunststoff ersetzt.

Nun positioniert man den haltbargemachten Menschen und durch die Gashärtung wird das noch flüssige Plastik fest. Im letzten Schritt tränkt man das zukünftige Präparat in Silikonkautschuk.

In den gesamten Werdegang fliesen bei menschlichen Plastinaten rund 1500 Arbeitsstunden.

 

Gründe für eine Körperspende

Mehr als 15 000 Menschen haben sich bereits dazu entschlossen ihre nach dem Tod zurückgebliebene, menschliche Hülle der Plastination und so der Forschung zur Verfügung zu stellen. Die meisten von ihnen waren Europäer und ihre Motive könnten nicht unterschiedlicher sein. Viele wollten ihren Körper einfach einem guten Zweck widmen, ihre Begeisterung von der Plastination symbolisieren oder der Nachwelt erhalten bleiben. Andere Gründe waren aber auch das Sparen der Beerdigungskosten, der unangenehme Gedanke begraben oder verbrannt zu werden sowie die Angehörigen von der Grabpflege zu befreien. Egal weshalb diese Menschen sich zu dieser Methode entschlossen haben, sie taten das immer aus freien Stücken und konnten auf Wunsch ihre eigenen Ideen einbringen, wie sie dargestellt werden sollten. Denn viele der "Ausstellungstücke" wurden so festgehalten wie sie gelebt haben, ob als Lebensretter, Eiskunstläufer, leidenschaftlicher Schachspieler oder Surfer. Der Aspekt ihres Lebens, der diesen Leuten am meiste bedeutet hat, lebt mit ihnen "ewig" weiter.

Trotzdem bleiben die Körperspender/innen anonym.

 

Kinder

Eine oft gestellte Frage rund um Ethik und Moral bezüglich der Körperwelten, ist ob dies eine geeignete Ausstellung für Kinderaugen sei.

Natürlich liegt diese Entscheidung im Endeffekt bei den Eltern, den Betreuungspersonen, aber grundsätzlich haben die Körperwelten keine Alterbeschränkung. Im Gegenteil sie "begrüßen" es sogar wenn sich gerade Kinder, die ja weniger mit Vorurteilen, sondern mit offenen Augen durch's Leben gehen, dazu entschließen die Anatomie des Menschen, ihren Körper auf diese Weise besser kennenzulernen.

Eines der Ziele, die sich die Körperwelten setzten ist das Bewusstsein der Menschen auf den eigenen Körper, die Gesundheit zu achten, zu lenken. So wird das Körpergefühl und -verständnis gefördert und damit kann man gar nicht früh genug anfangen.


Wirkung

Beeindrucken, beklemmend, faszinierend, ekelerregend,  bewusstseinserweiternd, informativ, unheimmlich, der absolute Wahnsinn.


Die Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein. Natürlich wird viel Kritik daran geübt, dass echte Menschen als Ausstellungstücke fungieren, aber wie in den meisten Fällen, überwiegt die Neugierde zum Schluss dann doch.


Als wir bunt.Stifter zusammen die Ausstellung besuchten war vielen von uns nicht klar welche Ausmaße diese echte-"tote"-Menschen-Sache haben würde. Die Plastinate sehen alle so echt aus fast schon zu echt, und unser geübter Blick meint zu wissen, dass diese Figuren auf keinen Fall nicht aus Plastik bestehen können.

Mit dem Bewusstsein dafür kommen die Fragen: Wie macht man so etwas? Wie kann es sein, dass man die Muskeln in dieser Bewegung festhält, jede Ader und jede Vene so genau darstellt? Und selbst nach drei Stunden Erkundungstour ist es einem nicht möglich in Worte zu fassen was man fühlt. Dies ist bei mir jedoch geblieben: Die Faszination und die Gänsehaut.



Ob man sich nun dazu entscheidet zu vergessen, dass die ausgestellten Frauen, Männer, Kinder oder Embryonen einmal lebende Geschöpfe waren oder sich diesen Umstand immer wieder zu Gemüte führt während man die Ausstellung besichtigt, ist jedermanns eigene Entscheidung. So oder so sind die Körperwelten unserer Meinung nach einen Besuch wert, insofern man das alles mit seinem Gewissen vereinbaren kann, wenn es da überhaupt etwas aufzuarbeiten gibt.

 

Günther von Hagens‘ Körperwelten weilen noch bis zum 7.Juni in der Tabakfabrik in Linz.


von Birgit



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Kommentare: 1
  • #1

    prüder_pfarrer (Mittwoch, 24 Juni 2015 21:09)

    hoitas do is jo a nockade