Geheimnisse des Stiftergymnasiums - Teil 4

Um es zu ermöglichen, die vollständige Serie online vollständig abrufen zu können, stellten wir auch den vierten Teil der Geheimnisse des Stiftergymnasiums, der in der Printausgabe von Juli 2015 erschien, auf die Website. Viel Spaß!

Selbst nach bereits drei Teilen der Serie über die unbekannten und verborgenen Geschichten unserer Schule gibt es noch genügend über Dinge zu berichten, von denen kaum jemand etwas weiß und vielleicht auch nicht jeder wissen sollte. Ein besonders spannendes Geheimnis hüten genau die Räumlichkeiten, die sich unterhalb des tagtäglich von Schülern wie Lehrern begangenen Fliesenbodens erstrecken. Denn hinter den verschlossenen Türen im Untergeschoss befinden sich keineswegs bloß zur Lagerung von ausgesonderten Schulheften und gespeicherten Schularbeitenbögen dienende unterirdische Gewölbe.

 

Teil 4 – Der Keller

 

Die Rede ist nicht vom Gottfried, sondern von dem verwinkelten, vielgliedrigen Gänge- und Räumesystem, dass sich unter dem gesamten Schulgrundstück inklusive Hof über drei Etagen erstreckt. Wer sich hier nicht auskennt, verirrt sich schnell. Derzeit aktiv genutzt wird nur ein kleiner Teil, der unter dem Hauptgebäude liegt. Und auch hier sind nur wenige, ausgewählte Personen des Betretens berechtigt, und das nur in Gruppen und mit Feuerwehr-Taschenlampe sowie Funkgerät ausgerüstet.

 

Jenseits des genutzten, sicheren Teils, in dem vor allem Schularbeiten (die ja zehn Jahre lang aufbewahrt werden müssen), alte Schulbücher, diverse Dokumente sowie kistenweise Crystal Meth, das vor dem Verkauf hier gespeichert wird, aufbewahrt werden, liegen finstere Gänge voller Spinnweben und große überwölbte Kammern. In diesen stapeln sich in gewaltigen Mengen die unglaublichsten Dinge: Hier finden sich erzkonservative Religionsbücher, die nach dem zweiten Vatikanum verboten wurden, Akten, die von den bis in die 1970er durchgeführten Hexenverbrennungen im Schulhof zeugen, zahlreiche eingelegte Innereien aus dem Biologiekabinett, kiloweise auf mysteriöse Arte verschwundene AUX-Kabel, radioaktiver Atommüll aus Temelin und Zwentendorf, und und und… es ist unglaublich, was man hier alles findet. Aber was soll daran bitte gefährlich sein? Wieso ist das Betreten dieser fast vergessenen Areale so streng verboten? Das hat alles einen guten Grund. Denn die Kelleranlagen bergen ein dunkles Geheimnis… (Empfohlen wird, nun im Hintergrund unheimliche Musik abzuspielen)

 

Alles begann im Jahre 1981. Der gute Ruf unserer Schule verbreitete sich immer mehr, und noch nie hatten sich so viele Schüler angemeldet, wie in diesem Jahr. Man beschloss schließlich, eine fünfte Klasse mehr als normalerweise einzurichten. Doch der Direktor und Administrator waren völlig überfordert: Wie sollten diese jungen Menschen alle Platz im kleinen Stiftergymnasium finden? Es wurde ein weiterer, nicht existierender Klassenraum benötigt – schließlich kam der Schuldirektor auf die umstrittene Idee, diesen in den weitläufigen Kellerräumen einzurichten.

 

Ein mulmiges Gefühl, das Abraten der Kollegen und sogar unheimliche, nächtliche Träume konnten den Chef nicht von seiner Idee abbringen. Eine der fünften Klassen wurde zu Schulbeginn in die Kellerräume verfrachtet, doch diese provisorische Lösung kam auch bei den Schülern gar nicht gut an. Die Stimmung war im Keller. Um die frustrierten Schüler etwas aufzuheitern, beschloss der engagierte Chemielehrer Kristofer Hades schließlich das öde Gebrabbel über Destillationen usw… durch einige

spannende Experimente zu veranschaulichen. Es wurde schließlich Schnaps gebraut, und - mehr um den übermäßigen Konsum durch die Schüler zu vermeiden als um die leichte Entzündlichkeit des Stoffes zu beweisen -, setzte dieser die Flüssigkeit in Brand.

 

Doch – oh weh! – nun kam es zur Katastrophe. Etwas von dem in Flammen stehenden Gebräu tropfte vom Tisch und sofort entflammten sich die unzähligen Stapeln uralter Schularbeitenbögen, die man aus dem großen Raum noch nicht vollends entfernt hatte. In Sekundenschnelle brannte der Raum lichterloh, und eiligst griff das Feuer auf benachbarte Gänge und Kammern über. Ausrangierte Religionsbücher und die große Sammlung der von den Schülern einkassierten „ketzerischen Schriften“ (Bücher Keplers, Darwins, Hawkins…) verwandelten sich in eine undurchdringliche Wand aus Feuer. Die gesamte Klasse versuchte zu fliehen, doch alle Bemühungen waren vergebens – innerhalb weniger Minuten waren alle Opfer verbrannt oder am Rauch erstickt.

 

Sofort versuchte man, die Katastrophe zu vertuschen. Die Leichen der Schüler wurden geschwind verscharrt, die Asche als Dünger verkauft, den Eltern wurde gesagt, die Fünftklässler wären nach Afrika gegangen, um dort zu missionieren.

 

Aber die schrecklichen Ereignisse sollten sich noch rächen. Bald schon wurde von verschiedenen Leuten berichtet, sie hätten im Keller Stimmen gehört, Schreie von Kindern, obwohl sich mit Sicherheit niemand sonst außer ihnen dort befunden haben soll. Es wurden unheimliche Gestalten gesichtet, manche Zeugen berichteten von plötzlich auftretendem, dichtem Rauch oder von Flammen, die plötzlich ausgingen, als man sich ihnen näherte. Wenn man auch die grausamen Ereignisse geheim halten

konnte, Gerüchte über den furchterregenden Spuk unter dem Schulgebäude machten

schnell die Runde.

 

Schließlich beschloss der Direktor, der den

kursierenden Geistergeschichten nicht viel Glauben schenkte, der Sache auf dem

Grund zu gehen. Trieben hier etwa Schüler, die etwas von der Sache mitbekommen

hatten, böse Streiche? Lösten nicht entwichene Reste des alkoholschwangeren

Rauches Halluzinationen in den Kellerbesuchern aus? Mit einer Taschenlampe

bewaffnet, schritt der Schuloberste mutig in das Dunkel der Gewölbe. Doch er

kehrte nie wieder zurück.

 

Der Hausmeister, der ihn noch ein Stück begleitet hatte, berichtete nachher, einen markerschütternden Schrei gehört zu haben. Plötzlich soll es nach verbranntem Papier gerochen haben und panische Schreie aus unzähligen Kinderkehlen sollen durch die Räume gehallt sein.

 

Am nächsten Tag wurden alle Türen, die von den wichtigsten Kellerräumen unter dem Vorderhaus wegführten, verriegelt. Der Zutritt wurde allen verboten, niemals sollte je in die vom Spuk heimgesuchten Räume vordringen. Seitdem ist gottseidank nicht noch jemand in den Gängen unter dem Stiftergymnasium verschwunden. Doch manchmal, nach Sonnenuntergang, wenn es leise ist und man ganz alleine im Schulgebäude steht, kann man in weiter Ferne das herzerweichende Stöhnen der unglücklichen Geister hören. Und, was ist das? Riecht es nicht plötzlich ein wenig nach Rauch?

 

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