Rotkäppchens Dilemma

Märchen: Für viele sind das jahrhundertealte Fantasiegeschichten ohne jeglichen Aktualitätsbezug, in veralteter Sprache und mit schwer durchschaubarer Handlung. Hier ein Versuch, diese alten Texte - unter minimalen Veränderungen bei der Handlung und dem verwendeten Vokabular - auch für Jugendliche aus der heutigen Zeit verständlich zu machen.

Es war einmal, an einem Dienstag, irgendwo in einem weit entlegenen Dorf, ein Mädchen. Ein Mädchen, welches alle Rotkäppchen nannten, nur weil einmal Hans ein Foto von ihr mit rotem Käppchen auf Zwitscher gepostet hatte. Wie dem auch sei, eines Tages entschied sich Rotkäppchen, welches sich sehr einsam fühlte, zu ihrer Oma zu gehen. Denn ihre Oma war immer freundlich und gutmütig zu ihr gewesen. Ihr Großmutter glaubte jedoch an keinen Gott, denn sie sagte immer: „Yo mann, der einzige Gott is Kurt Kobain!“. Ja, ihre Oma hörte jeden Tag Punk Rock bis Heavy metal, und sie war auch in der Drogenszene nicht untätig.


Und als das Rötkappchen ohne rotes Käppchen durch den Wald ging, hörte sie ein

Rascheln im Gebüsch. Als sie sich umdrehte, sah sie einen riesigen Wolf vor  sich stehen, welcher wohl sein ganzes Leben im Fitnessstudio verbracht hatte. „Grüß Gott schöne Dame“, begrüßte der auf seinen Hinterbeinen stehende Wolf mit einem gespielten Lächeln. „Was geht?“, warf das Rotkäppchen zurück. Sie wollte so cool wie möglich rüberkommen, da sie sonst immer in Gegenwart attraktiver Männer völlig die Kontrolle verlor. „Hi! Ich bin Wolfgang, und du?“, der Wolf stütze sich dabei mit seinem Ellbogen auf einen Baumstumpf in Hüfthöhe.


„Ähm… ähm... Arielle…, heiß ich“, stotterte das Rotkäppchen. Dem Arnold Schwarzenegger 2.0 schien es nicht aufzufallen. „Naja, Arielle… ich hätte heute Abend nichts vor, also wenn du bei mir vorbei schaun willst, wärst du willkommen. Wir könnten auch ins Wirtshaus gehen, dort legen heute die Bremer Stadtmusikanten auf! Es liegt bei dir mein Liebes.“ Rotkäppchen stutzte. Doch sie entschied sich für Cool-Play und sagte: „Nene, hab heut schon was vor, aber danke für das Angebot!“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und marschierte entschlossen in Richtung Oma.


„Oma, bist du da drinnen? Oma?“ Die mit Peace- und Cannabisstickern verzierte Tür war zu. Mist. Hans hätte jetzt gelacht und geschrien #foreveralone, aber an das wollte sie jetzt nicht denken. Gott sei Dank hatte das Rotkäppchen bei Schnee-wittchen Selbstverteidigungskurse besucht, sonst hätte sie die Tür nie mit einem Roundhouse-kick aus ihren Angeln schmettern können. Und was sie da sah, war ihre herzallerliebste Oma, welche neben einer halbgeschnupften Kokain-straße lag. „Oh nein, Großmutter, nicht die Überdosis!!“, schrie Rotkäppchen und eilte zu ihr. Doch es war zu spät. Die völlig verschrumpelte Dame lag tot in den Händen des unschuldigen Mädchens. Und die Tränen kamen ihr nur so die Wangen runter-geschossen. Trauer, Trauer, Trauer, bla bla bla, und dann entschloss sich das Rotkäppchen ihre Oma zu begraben. Am Besten am Schlossfriedhof, wo auch Kurt Kobain nach der Überdosis landete. Und so begab sich das Rotkäppchen mit der toten Großmutter auf einem Planenwagen zum Schloss des Königs.

 

Vor ein paar Tagen war dort etwas Schreckliches passiert: Der König hatte dem Druck seines Amtes nicht mehr standhalten können und hatte das Leben ausgehaucht. Oder besser gesagt, war vom Turm gesprungen. Tja und so hatte der Kronprinz namens Peter-Hans-Thorben die Aufgabe einen Platz auf dem königlichen Friedhof für seinen Papi zu sichern. Als er bei dem Friedhofsverwaltungshaus mit schwarzer Fassade ankam, bot sich ihm ein sehr seltener Anblick: ein junges Mädchen, welches nie als königliches Whoo-girl durchgegangen wäre, zog einen Planenwagen, dessen Besitzer wahrscheinlich nichts vom Verbot von Cannabis wusste, zum Friedhofsverwaltungsamt.

 

Beim Eintritt überließ er ihr den Vortritt, weil er genau wusste, worauf Frauen stehen. Blöderweise schien sie es nicht zu bemerken. Nachdem sie sich beide mit dem Friedhofsverwaltungsamtsvizepräsidenten um ein Grab gestritten hatten, kamen sie ins Gespräch und erzählten sich von ihren Schicksalen. „Und du heißt wirklich Peter-Hans-Thorben?“-„Ja, schon. Meine Nickname bei Call of Beauty Beasts ist PHT007, das gibt dem Ganzen ein bisschen Kitsch.“ Und auf die Frage, warum sie Rotkäppchen heiße, erzählte sie ihm die Geschichte mit Hans und so.

 

Um diesem Märchen einige Absätze zu ersparen, kürzen wir das Ganze. Sie redeten noch lange, als die Straßen durchquerten, und Rotkäppchen verliebte sich in Peter-Hans-Thorben. So sehr, dass sie bei Sonnenuntergang auf einem Aussichtsplateau stehen blieb und Peter-Hans-Thorben zu sich rief. Er kam zu ihr, die Lippen ganz trocken von dem vielen Reden, die Sonne fiel ihm in seine saphirblauen Augen, er lächelte zart und legte denn Kopf leicht schief. Dann fragte er: „Was´n los?“ Rotkäppchen holte tief Luft und beichtete ihm ihre Gefühle. Er hörte ihr bedächtig zu und wartete geduldig bis sie fertig war. Dann sagte er: „Ähm, was du da grad gesagt hast, war wunderschön und so, und ich will dich jetzt nicht verletzen, aber… ich glaube ich stehe gar nicht auf Mädchen…“ Rotkäppchens Augen weiteten sich und ihr Mund klappte runter. So reagierten auch die Leute, die das Gespräch mitgehört hatten, aber das ist jetzt unwichtig. „Ist doch eh besser so-“, log das Rotkäppchen „-ich meine, es hätte nie mit uns funktioniert.“ Sie wurde rot und sie wusste genau, dass er wusste, dass sie gelogen hatte.

 

Rotkäppchen beerdigte ihre Großmutter in den Wäldern mit Wolfgang, und von nun an lebte sie mit Wolfgang in der Hütte von der Oma. Man hörte von der Hochzeit von Peter-Hans-Thorben mit Hans im Glück, doch das interessierte das Rotkäppchen herzhaft wenig. Wolfgang war immer nett zu ihr und er hatte es sich abgewöhnt, mit fremden Mädchen aus dem Wald zu flirten.

Und sie lebten bis an das Ende ihrer Tage

 

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von Anton

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