Religion am Stiftergymnasium

Das Adalbert-Stifter-Gymnasium ist ein katholisches Privatgymnasium – Bei dieser Bezeichnung mögen viele an eine strenge, erzkatholische und erzkonservative Klosterschule, bei der drei Nonnen und ein Pfarrer auf jeden Schüler kommen und deren Besucher ihre Freizeit ausschließlich mit Lernen und Beten verbringen, denken. Wenn genau dies auch viele Außenstehende glauben mögen, mit der Stifterschule verhält es sich natürlich ganz anders. Wir haben keine Geistlichen als Lehrpersonen, kein gemeinsames Morgengebet und keine Hexenverbrennungen im Hof; ganz im Gegenteil: Paradoxerweise ist unser Gymnasium wohl eines der liberalsten und offensten in ganz Oberösterreich.

 

Dieser Widerspruch macht aber folgende Frage erst besonders interessant: Wie verhält es sich bei uns nun mit der Religion? Wie gläubig sind unsere Schüler? Für diese Ausgabe haben wir in Form einer umfangreichen Umfrage den Besuchern unserer Schule die Gretchenfrage gestellt. Etwa 325 Personen nahmen an der mit Fragebögen durchgeführten Befragung Teil, also tatsächlich ein Großteil unserer Schülerschaft. Die Ergebnisse sind zum Teil wirklich überraschend und unerwartet: Mit Sicherheit sind sie ganz anders, als sie in den meisten anderen Schulen ausfallen würden, und auf jeden Fall nicht so, wie man sie in einem „katholischen Privatgymnasium“ erwarten würde.

Religionen und Konfessionen

 Zuallererst die Frage, was denn in den offiziellen Dokumenten über den eigenen Glauben vermerkt ist. Die Ergebnisse waren wenig überraschend: Von religiöser Pluralität kann in unserer Schule kaum die Rede sein. Stolze 89,0% sind offiziell römisch-katholisch! Das heißt, in einer Klasse sind es im Schnitt nur zwei bis drei Schüler, die am Papier nicht der katholischen Kirche angehören. Von diesen elf Prozent gehören 7,4% anderen christlichen Konfessionen an: Der Großteil unter ihnen, 6,4%, ist evangelisch; jeweils weitere 0,6% der Befragten sind orthodox oder gehören einer freikirchlichen Gruppierung an.

 

Auch andere Religionen sind, wenn auch nur in sehr geringen Prozentsätzen, vertreten: So sind etwa 0,9% islamisch; eine Person gab zudem - wohl fälschlicherweise - an, buddhistisch zu sein: Laut offizieller Seite gibt es keine Buddhisten am Stiftergym. Überdies sind außerdem 2,1% der Schüler ohne Bekenntnis.

 

Viel interessanter war für uns aber die Frage, zu welchem Glauben oder welcher Konfession man sich am ehesten zugehörig fühlt. Denn das, was in den Dokumenten steht, entspricht ja sehr häufig nicht dem, was man wirklich denkt und fühlt. Auch hier gaben – wie zu erwarten war – die meisten Befragten „römisch-katholisch“ an. Allerdings sind es hier nicht 89, sondern nur 58,3%. Somit sind etwa 41,7% der Besucher des Stiftergymnasiums ketzerischen Ideen verfallen!

 

Von diesen Glaubensabtrünnigen kann sich die Mehrheit, also 26,2% aller Schüler, mit keiner Religion identifizieren – was nicht unbedingt heißt, dass all diese nicht gläubig sind: Man kann schließlich auch glauben, ohne sich einer Kirche angehörig zu fühlen.

 

Die drittgrößte Gruppe machen jene aus, die sich am ehesten mit den evangelischen Konfessionen verbunden fühlen, nämlich 4,6%. 0,6% sehen sich allgemein als Christen, ohne irgendeiner besonderen Gruppierung anzugehören, jeweils 0,3%, also in beiden Fällen nur eine Person, ist Mennonit (Mitglied einer freikirchlichen Gruppe) oder orthodox.

 

1,5% können sich außerdem mit dem Islam identifizieren, weitere 1,5% mit dem Buddhismus. Zudem entspricht der Glaube von 0,9% interessanterweise einer Mischung aus Buddhismus und christlichen Konfessionen. Weitere 1,2% glauben als Vertreter des Pastafarianismus an Biervulkane und Stripperfabriken nach dem eigenen Ableben, zudem haben wir in geringer Anzahl auch Satanisten, Paganisten (Heiden), Anhänger von Chuck Norris und einen Agnostiker. Fußballvereine wurden als Religion übrigens von niemanden angegeben.

Glaube und Tod

Da Religion und Glaube ja doch zwei verschiedene Dinge sind, wollten wir auch herausfinden, wie es mit letztem genau aussieht: Bei der dritten Frage gaben immerhin 72,8% an, dass sie an irgendeine Form von höherer Macht glauben – ob das nun ein bärtiger alter Mann im Himmel, ein übergestelltes nichtmenschliches Wesen oder eine nicht fassbare Macht, die sich unserer Vorstellungskraft entzieht, ist, sei dahingestellt. Nur 22,9% glauben nicht an die Existenz hiervon.

 

Auch die Frage danach, was nach dem Tod geschieht, stellten wir: 59,5% der Stifterschüler sind der Meinung, dass nach dem Sterben irgendetwas – ein Weiterleben im Himmel, eine zweistellige Anzahl an Jungfrauen, die Wiedergeburt, oder was auch immer – kommt, und nur 13,7% glauben, dass der Tod das endgültige Ende ist. 26,8% konnten auf diese schwierige Frage verständlicherweise keine Antwort finden.

Religion im Alltag

Nachdem tatsächlich ein überraschend großer Teil der Befragten an eine höhere Macht und ein Leben nach dem Tod glaubt, erscheint die Frage, wie aktiv die Religion auch gelebt wird, besonders interessant. 5,9%, also doch nur ein kleiner Teil, gaben an, sehr religiös zu sein. Immerhin 22,5% sehen sich als „eher“ religiös, und fast die Hälfte, 46,6%, kreuzten „ein bisschen“ an. Nur für 24,4% der Befragten spielt die Religion im Leben keine Rolle; sie sehen sich als gar nicht religiös. Das sind tatsächlich weniger Schüler als die, die angaben, sich keiner Religion zugehörig zu fühlen.

 

Der vielleicht wichtigste Ausdruck von Religiosität im Alltag ist das Gebet; dieses praktizieren immerhin 55,7% zumindest manchmal. 43% hingegen beten nicht aus eigener Motivation – das gemeinsame, morgendliche Gebet in der Schule, das manche Lehrer mit der Klasse durchführen, ist davon ausgenommen. 

Weihnachten

Schließlich stellten wir euch noch die Frage, wie ihr das bevorstehende Fest feiert: Als einen der wichtigsten Feiertage im Kirchenjahr oder als profane Orgie des Konsums und der Völlerei. Tatsächlich feiern 70,2% die Weihnacht als religiöses Fest; 25,8% hingegen begehen die Feier ganz säkular. Obwohl es ja doch eine Handvoll Buddhisten und Muslime gibt, gab übrigens nur eine einzige befragte Person an, gar nicht zu feiern. Beeindruckend!

 

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass Religion doch einen relativ hohen Stellenwert in unserer Schule hat, wenn auch nur wenige Leute tatsächlich stark gläubig sind. Ein großer Teil der Schüler scheint eine wenig strenge, lockere, aber doch ernsthafte und aufrichtige Einstellung zum Glauben in Verbindung mit liberalen und offenen Wertevorstellungen zu hegen. 

Aus der Printausgabe 23. Dezember 2015 - von Tobias

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