Die letzten Tage der Eisenbahnbrücke

An diesem Samstag, um Punkt 0:30 am Morgen, wird der älteste der drei Linzer Donauübergänge, die Eisenbahnbrücke, gesperrt. Für immer. Kurz darauf wird damit begonnen, den Stahlkoloss auseinanderzulegen und die einzelnen Teile abzutransportieren. Ein Linzer Wahrzeichen verschwindet einfach so aus dem Stadtbild, und die Folgen werden wahrscheinlich dramatisch sein. Dabei hätten die Linzer Politiker dieses Problem mit ein bisschen Weitsicht leicht lösen können. Doch jetzt ist es zu spät. 

Verkehrchaos

Lediglich sieben Fahrstreifen sind es, die das nördliche und das südliche Ufer der Donau verbinden. Laut den OÖ  Nachrichten benutzen rund 170 000 (!) Fahrzeuge täglich die Linzer Donaubrücken, davon mehr als 15 000 die Eisenbahnbrücke. Jeder, der sein Zuhause jenseits des Stromes hat, wird die allmorgendliche Situation kennen: Auf der Autobahnbrücke Stau, auf der Eisenbahnbrücke Stau und auf der Nibelungenbrücke quasi Stillstand. Die zusätzlichen Pendler, die nach dem Abriss des ältesten Donauübergangs andere Routen wählen müssen, werden wohl nicht den völligen Verkehrskollaps herbeiführen (obwohl man streiten könnte, ob wir einen solchen nicht jetzt schon haben); die Situation aber – gerade auf der Nibelungenbrücke – doch spürbar verschlechtern. 

Besonders weh tut mir aber nicht die Tatsache, dass ich noch mehr Lebenszeit als bisher dem Straßenverkehr widmen darf, sondern der Verlust eines bedeutenden Denkmals. So alte Eisenbrücken dieser Länge gibt es nicht viele – immerhin stammt der grüne Stahlkoloss aus den Jahren 1897-1900 und ist somit einer der wertvollsten Verkehrsbauten Oberösterreichs. Lange Zeit stand er unter Denkmalschutz, in Österreich bei historischen Objekten längst nicht Selbstverständlichkeit, wobei dieser Status dann aufgrund des geplanten Abrisses einfach so aberkannt wurde. 

Dunkles Kapitel der Stadtgeschichte

Diese Maßnahme ist kaum verwunderlich, denn in Linz hat das Demolieren von wertvollen Bauten schon eine lange Geschichte. 1962 zerstört man in der Landstraße mehrere historische Bürgerhäuser, um das Passage-Kaufhaus zu errichten. 1963 wird das angeblich baufällige Schloss Hagen in Urfahr, auf dem Gelände, wo vor kurzem die Neue Musikuni eröffnet wurde, in die Erde gestampft. 1969 wurde die barocke Wollzeugfabrik, ein heute fast vergessenes Industriedenkmal von europäischer Bedeutung, ohne Zögern demoliert. Manche reden vom verheerendsten Verlust im Österreich der Nachkriegszeit. Auf der äußerst ausführlichen Zeittafel zur Linzer Geschichte auf der Stadtwebsite übrigens: Kein Wort über diesen Skandal. War ja zu vermuten. Es geht weiter: 1980 verschwindet in Alt-Urfahr ein ganzes Grätzl von der Landkarte, um Platz für das architektonisch fragwürdige Neue Rathaus zu schaffen. Und dann noch hunderte, kleine, historische Bauten, die jährlich fast unbemerkt aus dem Stadtbild genommen werde. 

Unzählige Generationen haben an diesen Denkmälern gearbeitet und wir machen sie innerhalb von Stunden zu Schutt und Staub. Ein Prozess, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Sollten wir nicht vorsichtiger mit unseren alten Gebäuden umgehen? Vielleicht sind sie unpraktisch, kalt und zugig, stehen so mancher neuen Straße im Weg. Aber sie bilden die Identität einer Stadt, sie zeugen von vergangenen Jahrhunderten, die genauso ein Teil von Linz sind, wie die neuen Gebäude. Für eine funktionierende Zukunft braucht es auch eine Vergangenheit.

Es ist zweifellos dumm, in früheren Zeiten verhaftet zu sein, die Gegenwart zu verleugnen und alles Gewesene über das Jetzt zu stellen. Aber genauso ist es dumm, die vielen Jahrhunderte, die vor uns waren, zu vergessen und nur die Zeit, in der wir leben, zu berücksichtigen. Darum ist es wichtig, unseren Denkmalbestand als Zeugen der Vergangenheit zu erhalten. 

Mit so etwas sollte man nicht so leichtfertig umgehen. Einen misslungenen Neubau kann man abreißen. Ein gerodeter Wald wächst früher oder später wieder nach. Aber, ist eine alte Brücke einmal weg, ist sie für immer weg. Blöd, wenn man ihren Wert erst später erkennt. 

von Tobias

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