Historische Ergebnisse bei der Bundespräsidentenwahl

Quelle: http://orf.at/wahl/ - Hochrechnung 19:48

Einen gänzlich unerwarteten und in dieser Art historischen Ausgang fand vor wenigen Stunden die Bundespräsidentenwahl. Entgegen allen Prognosen und Umfragen, die Van der Bellen meist einen leichten Vorsprung gaben, fuhr der freiheitliche Kandidat Norbert Hofer völlig überraschend einen gewaltigen Erdrutschsieg ein. Die Stichwahl steht zwar noch bevor, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Österreich einen blauen Bundespräsident bekommt, ist hoch wie nie zuvor.

Der Wahlausgang: Einzigartig in der 2. Republik

Wieder einmal bewahrheitet sich die alte Weisheit: „Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!“ Alle Vorhersagen zur Wahl lagen extrem weit neben dem tatsächlichen Ergebnis. Das inszenierte Kopf-an-Kopf-Rennen Hofer versus Van der Bellen existierte nie: Nach dem derzeitigen Stand der Ergebnisse (alle Stimmen, v. a. die der Briefwahl sind noch nicht ausgezählt – recht große Änderungen sind aber nicht mehr zu erwarten) liegt Norbert Hofer (FPÖ) mit rund 35,5% unangefochten auf Platz 1. Alexander Van der Bellen (Grüne) kommt nicht einmal annähernd an ihn heran; er erhält nur ca. 21,3%. Mit etwa 19% schafft es die Unabhängige Irmgard Griss nicht in die Stichwahl.

 

Genauso bemerkenswert wie der Sieg des freiheitlichen Kandidaten sind die miserablen Ergebnisse der roten und schwarzen Kandidaten: Andreas Khol (ÖVP) und Rudolf Hundstorfer (SPÖ) kommen jeweils nur auf rund 11% - das, obwohl bei den bisherigen Bundespräsidentschaftswahlen die Amtsanwärter der etablierten Parteien miteinander immer mehr als 80% der Wählerstimmen erreichten!

 

Gänzlich anders als der Wahlausgang sind natürlich auch die Ergebnisse der zwei Umfragen in unserer Schule, die wir im Februar tätigten: Bei diesen war Van der Bellen der eindeutige Sieger, die anderen Kandidaten kamen jeweils nur auf einige Prozent (buntStifter berichtete).

Wie kam es dazu?

Die heurige Bundespräsidentenwahl ist ganz anders als alle, die es bisher gegeben hat: Erstmals kämpften sechs Personen um die Wählerstimmen, und von Anfang an war klar, dass die Vertreter von Rot und Schwarz erstmals keine guten Ergebnisse zu erwarten hatten, jedoch der Großteil der Wählerstimmen auf die Oppositionsparteien fallen würde.

 

Wenn auch die Umfragen anderes prognostizierten, so ist der Sieg des blauen Kandidaten nicht verwunderlich: Die Flüchtlingskrise und die Unzufriedenheit mit der Arbeit der Großen Koalition spülen derzeit wie Flutwellen die Wählerstimmen in das freiheitliche Lager. Wut und Frustration über die derzeitige Situation kommen den rechten Parteien zugute: Stimmungen und Gefühle haben bei wichtigen Entscheidungen letztlich mehr Einfluss als rationale Argumente. Keine österreichische, eine europäische Tendenz. 

Zuerst Stichwahl, dann Neuwahlen!? Die Folgen

Wie geht es jetzt weiter? Die Stichwahl wird wohl knapp werden, der Ausgang ist noch völlig ungewiss. Dass Hofer so ein gutes Ergebnis einfahren konnte, muss nicht heißen, dass es bei der Stichwahl gleich ist: Wenn sich zwar der überwiegende Teil der Österreicher für einen rechten Kurs einsetzen würde, so erscheint die FPÖ vielen doch zu extrem.

 

Ein Sieg Hofers könnte jedenfalls weitreichende Folgen haben: Er gab ja in mehreren Interviews an, von seinen umfangreichen Rechten als Bundespräsident Gebrauch zu machen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er die Regierung entlassen und Neuwahlen veranstalten würde. Politisch wäre das sehr geschickt, da die Freiheitlichen laut Umfragen derzeit ja die meisten Stimmen erhalten würden. Die Folge wären ein historischer politischer Umsturz und ein beispielloser Rechtsruck – Regierung und das Bundespräsidentenamt in der Hand einer Oppositionspartei sind in der Zweiten Republik etwas völlig Neues.

 

Auch Van der Bellen kündigte an, im Notfall zu extremeren Mitteln zu greifen: Eine alleinige FPÖ-Regierung würde er aufgrund deren Europapolitik nicht angeloben. Derartig weitreichende politische Veränderungen unter ihm sind aber nicht zu erwarten.

von Tobias Lindorfer

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