"Wir sind die Erben Bruno Kreiskys" - Lokalaugenschein bei der blauen 1.-Mai-Feier am Urfahranermarkt

Der 1. Mai – der Tag der Arbeit. Jedes Jahr wieder präsentieren sich die Parteien an diesem gewichtigen Datum bei Feiern und Festreden von der besten Seite. Doch heuer war es nicht die SPÖ, die an diesem für sie so bedeutenden Tag im Mittelpunkt stand; nach dem sensationellen Wahlergebnis und den guten Umfragewerten hatten die Freiheitlichen am meisten Grund zum Feiern. Während in Wien Faymann aus den eigenen Reihen Buhrufe erhielt, versammelten sich die Parteigranden der Blauen im Festzelt am Linzer Urfahranermarkt – und das unter dem lautstarken Jubel ihrer Anhänger.

 

Auch wir wollten uns diese Veranstaltung nicht entgehen lassen, schließlich waren mit Heinz Christian Strache und Norbert Hofer die zwei wichtigsten Politiker der FPÖ anwesend. Lest selbst, was wir für Eindrücke sammeln konnten.

Menschenmassen und Rot-Weiß-Rot-Flaggen

Gewaltige Menschenmassen wälzen sich am Sonntag um 10 Uhr durch die Wege zwischen den Marktstandeln des Urfahranermarktes, und vor dem großen Festzelt stehen die Leute Schlange. Mit ein bisschen Drängeln schafft man es aber doch ins Innere, wo einem stickige, nach Zigarettenrauch und Sauerkraut riechende Luft entgegenschlägt. Die Halle ist zum Bersten gefüllt. 5000 (vgl. OÖ Nachrichten) Gäste waren es wohl nicht, die Menge ist aber trotzdem beeindruckend groß und bunt durchgemischt. Alle Altersgruppen sind vertreten, von Kindern bis hin zu älteren Herren. Wohlgemerkt: Herren. Das weibliche Geschlecht ist in auffallend geringer Anzahl anwesend. Bier fließt in Strömen, Würsteln werden tonnenweise verdrückt.

 

Dann kommt der überraschend spektakulär inszenierte Einzug der großen Politiker. Die Menschen jubeln, schwenken zahllose kleine Rot-Weiß-Rot-Flaggen, aus den Boxen ertönt laut „Immer wieder Österreich“ der John-Otti-Band, die Scheinwerfer werfen wild wirbelnde, vornehmlich blaue Lichtstrahlen durch das Bierzelt. Man hat den Eindruck, ein gefeierter Popstar tritt auf die Bühne einer riesigen Konzerthalle. 

 

Zuerst beginnt die Rede des Landesparteiobmannes Manfred Haimbuchner, der relativ allgemein bleibt und kaum tiefer auf politische Themen eingeht. Dann tritt Norbert Hofer auf die Bühne, die Leute rufen laut „Hofer! Hofer!“. Neben mir skandiert ein Kritiker: „Billa! Billa!“. Die Ansprache des Präsidentschaftskandidaten ist ebenfalls nicht sonderlich aufgeregt und eher kurz. Er gibt sich als der gemäßigte, vernünftige Schutzherr der Österreicher, der auf die anderen Parteien und Meinungen Rücksicht nimmt und genauso die Mitte wie die rechten Wähler abdeckt. 

Strache auf Sozialdemokratenfang

Wesentlich polternder ist erwartungsgemäß die folgende Rede des Parteiobmanns HC Strache, die mehr als eine Stunde Zeit in Anspruch nimmt. Man erhält den unmissverständlichen Eindruck, dass er hier die Fäden zieht.

 

Mit allen Mitteln versucht er, die Stimmen der Sozialdemokraten für die Bundespräsidentenwahl zu gewinnen. „Wir sind die Erben Bruno Kreiskys“, sagt er. „Ich sage das heute bewusst. (…) Wir sind eine soziale Volkspartei!“ Er schmiert den SPÖ-Wählern weiter Honig ums Maul: „Ich habe größten Respekt vor anständigen Sozialdemokraten, und die gibt es“. Als Beispiel nennt der den burgenländischen Landeshauptmann Hans Niessl, der das Bundesland in einer Koalition mit der FPÖ regiert. Auch für Josef Pühringer findet Strache lobende Worte. 

"Wir brauchen endlich eine Rückkehrkultur"

Trotzdem fallen die Seitenhiebe auf die Regierung wie gewohnt hart aus. Besonders beim Thema Flüchtlinge gibt er sich aggressiv: Die Beamten „haben den Einsatzbefehl bekommen, als Willkommenspolizei mit der Gulaschkanon´ rechtswidrig alle reinzulassen und als staatliche Schlepperorganisation eine Million an die deutsche Grenze weiterzuführen“. An Werner Faymann richtet er in Bezug auf die Einwanderungspolitik: „Was Sie angerichtet haben, ist der größte Schaden der 2. Republik“. Als Strache verkündet, dass der Kanzler bei seiner Rede in Wien ausgebuht wird, erfüllt Gelächter das Bierzelt.

 

Auch die ÖVP kommt nicht ungeschoren davon: „Der Herr Kurz hat vor einem halben Jahr gesagt: Der durchschnittliche Zuwanderer sei intelligenter als der durchschnittliche Österreicher. Ich find´ das ungeheuerlich. Es mag vielleicht auf den Herrn Kurz zutreffen, aber der soll doch net immer von sich auf andere schließen!“ Die eindeutige Position der FPÖ zum Thema Asyl und Migration macht der Parteichef immer wieder klar: „Wir brauchen keine Willkommenskultur, wir brauchen endlich eine Rückkehrkultur“.

 

Des Weiteren liefert er Statements zu den verschiedensten politischen Themen. So spricht er sich ein gegen den EU-Beitritt der Türkei und gegen TTIP aus, außerdem betont er immer wieder die Wichtigkeit der bevorstehenden Wahl. Das Ergebnis vom 24. April bezeichnet er als „Zwischenbestzeit“, es sei „noch nichts entschieden!“

Am Schluss ertönt noch einmal „Immer wieder Österreich“, darauf folgt die Bundeshymne – natürlich ohne Töchter. Die Fahnen werden erneut geschwenkt, Konfetti in Rot und Weiß werden auf das Publikum geschleudert. Dann beginnt die Selfiestunde – mittlerweile ja schon Standard bei politischen Events. Ein Kurzinterview mit Manfred Haimbuchner durften wir leider nicht machen, dafür befragten wir einige Gäste zur Stimmung und ihren Meinungen. Und was wir da erfuhren, ist gar nicht uninteressant. 

Besucher im Interview

Ich frage eine Gruppe, die anonym bleiben möchte, wie ihnen die Feier gefällt.

„Gänsehautstimmung!“ „I waß net, wie vü Leit dass do worn und aufstehn, „Immer wieder Österreich“ singen, i glaub´, des is scho a Andeutung für die nächste Wahl.“

Glaubt ihr also, dass Hofer gewinnt?

„Wir hoffen´s amoi, er is der anzige, der was a g´rader Typ ist“

...Und ein Kanzler Strache 2018?

„Des wird sich dann in dieser Zeit aussastellen. Bis dorthin wird sich einer beweisen müssen, ob des jetzt a Van der Bellen oder a Hofer ist, und wann des jetzt a Hofer ist, wird’s vielleicht ein Strache sein.“ „Zumindest können´s an nimmer ausgrenzen, an Strache!“

Wird die Bundeshymne mit den Töchtern gesungen?

„Nein!!“ Eine Frau, die am Tisch sitzt, bekräftigt mehrmals, dass sie sich nicht benachteiligt fühlt. „Du singst ja auch „Alle meine Entlein“ und nicht „Alle meine Entlein und Erpel“, oder?“

Daraufhin interviewe ich Janette B., die eigens aus dem Innviertel angereist kam. Ich frage, ob ein Bierzelt denn der richtige Austragungsort für politische Diskussionen ist.

„Na, des passt scho, des mochn´s scho richtig, die Freiheitlichen!“

Wird Van der Bellen oder Hofer Präsident?

„Norbert Hofer macht´s Rennen!“

Und wer zieht 2018 ins Kanzleramt ein?

„Da HC, ganz klar, logisch!“

Wieso punktet er so bei den Wählern?

„Er tuat anfoch wos für die kleinen Leit, und des is wichtig“

Zum Schluss noch eine Gruppe aus Mädchen und Burschen, um die 20 Jahre alt, alle erweisen sich im Gespräch als relativ misstrauisch. Ich stelle die Frage, ob ein Bierzelt ein geeigneter Austragungsort für so eine politische Kundgebung ist.

„Wüst di in die Oper setzen, oder wos?“

Wird der Hofer die Wahl gewinnen?

„Na, glaub i net. Des Ergebnis im ersten Wahlgang war leider zu hoch.“ Eine junge Frau jedoch: „Jo, glaub i scho.“

Und was sagt ihr zur Aussage Straches, er sieht sich als eine Art Nachfolger Bruno Kreiskys?“

„Schon übertrieben.“ Ein anderer: „Do frogst in Falschen“

Daraufhin wird meine Unabhängigkeit lautstark angezweifelt und mir eine Tätigkeit im Auftrag der Grünen vorgeworfen. Ich räume schließlich das Feld, als ein junger Mann, mit dem ich schon vorher diskutiert habe, auftaucht und mich wütend anpöbelt. 

Die Erfahrungen im FPÖ-Zelt reichen von „grotesk“ bis „interessant“ und eröffneten mir eine neue Sicht auf die Partei. Eines steht fest: Treue Anhänger haben Hofer und Strache ausreichend. 

von Tobias Lindorfer

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