Was es heißt, eine Frau zu sein

Die Gesellschaft, in der wir leben hat klare Vorstellung was Männer und Frauen sind und was sie nicht sind. Diese Ideale, Klischees und Ideen als Frau zu erfüllen ist anstrengend und alles andere als einfach.

 

In der Öffentlichkeit sollte ich mit geschlossenen oder überkreuzten Beinen sitzen, bevorzugter Dresscode sind Kleider und Röcke zu langen Haaren. Für mich ist es Pflicht, meine Beine und Achseln zu rasieren, zusätzlich ist ein Muss, eine Unmenge an Schuhen zu besitzen und des Laufens in hohen Schuhen mächtig zu sein. Autos einparken können oder über technisches Wissen zu verfügen ist hingegen ein klares No-Go. Weiters bin ich nicht dazu qualifiziert, als Politikerin oder generell in führenden Positionen zu arbeiten. Laut einer Untersuchung der Arbeiterkammer Wien lag der Frauenanteil in den Geschäftsführungen der Top 200-Unternehmen in Österreich 2015 bei 5,9%. Von 183 Abgeordneten im österreichischen Nationalrat sind nur 56 Frauen, sprich 30,6%. Das ist fast ident mit der Zahl an Mandaten, die alleine die SPÖ innehat. Den größten Frauenanteil unter den Parteien im Parlament haben die Grünen mit 50%, den geringsten die NEOS mit 11,11%. Prozentmäßig liegen die NEOS also sogar hinter der FPÖ.

Frau sein heißt also, im Parlament unterrepräsentiert zu sein.

 

Anstatt in die Politik zu gehen, sollte ich eher Krankenschwester werden oder am besten gleich zuhause bei den Kindern bleiben. Apropos, Ich als Frau bin dafür verantwortlich, Kinder zu gebären, sie aufzuziehen und später jeden Tag für sie und meinen Ehemann zu kochen. Inkludiert mein Lebensplan keine Kinder, werde ich als kaltherzige, nymphomanische Karrierefrau abgestempelt.

Frau sein heißt also, Kinder zu bekommen.                                                                                                                                       

Und all das nur, weil ich anstatt mit männlichen mit weiblichen Geschlechtsteilen auf die Welt gekommen bin. Warum ist dieser, rational betrachtet lediglich biologische Unterschied zwischen Mann und Frau, verantwortlich für so weitgreifenden Diskussionen und Benachteiligungen? Das ganze Theater um aus männlicher Sicht weibliche Ideale und das Überbetonen dieser Vorurteile und Klischees endet im Sexismus, der Frauen täglich konfrontiert und ihr Leben beeinflusst. Die generelle Annahme, dass das männliche Geschlecht stärker sei das weibliche ist schuld an sexueller Belästigung, Frauenfeindlichkeit und sexuelle Gewalt. Aber neben diesen extremen Auswirkungen gibt es auch den Alltagssexismus, sei es das konstante Unterschätzen der körperlichen und geistlichen Fähigkeiten von Frauen oder das Totschweigen der Menstruation.

Frau sein heißt also, unterschätzt zu werden.

 

Diese tief verwurzelten Klischees, die es natürlich auch auf der anderen Seite gegenüber Männern gibt, lassen sich nicht von heute auf morgen einfach so abbauen. Was man aber dringend eliminieren sollte, ist die Geschlechter-Einkommenslücke oder Gender Pay Gap. Laut Statistik Austria liegt der Lohnunterschied, gemessen an den Bruttostundenverdiensten in der Privatwirtschaft immer noch bei insgesamt 22,2%.                                                                                                                                              

Frau sein heißt also, trotz gleicher Arbeit weniger zu verdienen als männliche Kollegen.

 

Totale und bedingungslose Gleichheit aller Geschlechter und aller sexuellen Neigungen ist eine Utopie, die wir mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht in den kommenden Jahrzehnten realisieren werden, zumindest nicht mit Chauvinisten wie Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan und dem polnischen EU-Abgeordneten Janusz Korwin-Mikke, der erst kürzlich mit seiner Aussage, dass Frauen weniger verdienen müssen da sie schwächer, kleiner und weniger intelligent als Männer sind, für Aufregung sorgte, als führende Politiker.

Ich bin mir bewusst, dass ich auf hohem Niveau jammere. Ich habe das Wahlrecht, das Recht zu arbeiten und Zugang zu Bildung. Ich habe Glück, ich bin im aufgeklärten Europa des einundzwanzigsten Jahrhunderts aufgewachsen, weit entfernt von religiösen Vorschriften und unterdrückerischer Einstellung gegenüber Frauen, die für ihre Basisrechte kämpfen müssen. Wenn ich an die Frauen in Somalia oder Saudi-Arabien denke, fühle ich mich schuldig, während ich mich über lächerliche Klischees echauffiere.

 

 

Frau sein bedeutet für mich, selbstbestimmt für meine Rechte aufzustehen und für soziale Gleichheit zu kämpfen, während ich so gut es geht versuche, allen Klischees zu widersprechen.

 

von B.Oulot

 

 

 

 

Quellen:

https://www.parlament.gv.at/SERV/STAT/PERSSTAT/FRAUENANTEIL/frauenanteil_NR.shtml

https://www.bmb.gv.at/frauen/gender/gender_index_2015.pdf?5i844

http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/gender-statistik/einkommen/index.html 

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