"Das WWW ist heute genauso wichtig wie das ABC" - Interview mit Landeshauptmann Thomas Stelzer

Thomas Stelzer gab für Buntstifter ein exklusives Interview, in dem wir u.a erfahren, welche Verbesserungen seiner Meinung nach am österreichischen Bildungssystem vorgenommen werden müssen und welchen Spitznamen der neue Landeshauptmann trägt.

 

 

 

 

 

Ich glaube, dass den meisten meiner Schulkollegen und Kolleginnen Josef Pühringer ein Begriff ist, da er sie ja doch ihr ganzes Leben als Landeshauptmann begleitet hat. Was Sie angeht, bin ich mir da nicht so sicher, vielleicht könnten Sie sich kurz vorstellen.

Stelzer: Ich bin 50 Jahre alt, verheiratet, habe 2 Kinder und bin studierter Jurist. Politisch stehe ich für Erneuerung. Denn die Welt entwickelt sich rasant weiter und ich will, dass Oberösterreich in dieser neuen Zeit Schritt halten kann. Dafür braucht es neue Wege in der Wirtschaftspolitik, aber insbesondere auch bei der Bildung.

 

Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger? Wollen Sie überhaupt etwas anders machen?

Stelzer: Ich habe meinen eigenen Stil. Natürlich wird es Veränderungen geben. Die neue Zeit wird Umbrüche und neue Antworten mit sich bringen. Wie Josef Pühringer will ich aber immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Menschen haben.

 

Was nehmen Sie sich für die nächsten Jahre vor, was wollen Sie konkret umsetzen?

Stelzer: Mein zentrales Ziel ist die Stärkung des Wirtschaftsstandortes – dazu müssen wir an vielen Schrauben drehen. Wir brauchen qualifizierte Mitarbeiter, ein modernes Bildungssystem und zeitgemäße Infrastruktur. Nur so kann Oberösterreich zu einer der Top-Regionen Europas werden. Die Digitalisierung muss auch in Oberösterreich weiter vorangetrieben werden.

 

Was können wir speziell in Bezug auf Bildung von Ihnen erwarten?

Stelzer: Beim PISA-Test haben die Schülerinnen und Schüler aus Oberösterreich zwar im Bundesländervergleich relativ gut abgeschnitten, dennoch brauchen wir in der Bildung weitere Erleichterungen. Ich will die Digitalisierung in die Klassenzimmer bringen. Die Schülerinnen und Schüler sollen zukunftsfit sein, damit wir wirtschaftlich international an der Spitze bleiben. Dafür braucht es Neuerungen im Bildungsbereich. Ich würde mir in dem Bereich mehr Verantwortung beim Land wünschen, etwa bei den Lehrern.

 

Welche Rolle sollen digitale Medien im Schulalltag einnehmen?

Stelzer: Das ‚WWW‘ ist heute genauso wichtig wie das ‚ABC‘. Wir müssen raus aus der Kreidezeit und rein ins digitale Klassenzimmer und dabei von Anwendern zu Gestaltern werden. Das laufende Schuljahr steht ganz im Zeichen der digitalen Bildung. In mehreren Pilotprojekten starten wir mit Mini-Computern an Volksschulen. Programmieren soll schon bald ab der Volksschule spielerisch erlernt werden.

 

Welchen Wert messen Sie der politischen Bildung als Unterrichtsgegenstand bei? Wie glauben Sie kann politische Bildung am besten an Jugendliche vermittelt werden?

Stelzer: Junge Menschen dürfen heute schon mit 16 Jahren wählen, das ist mehr als Grund genug, politische Bildung in einem eigenen Pflichtgegenstand an den Schulen zu unterrichten, vorzugsweise ab der 8. Schulstufe. Es sollte aber nicht um das Auswendiglernen von Namen der Minister gehen. Ich halte viel von Politik-Planspielen zum besseren Verständnis von politischen Prozessen. Das Thema sollte  anschaulich und spannend vermittelt werden.

 

Was wäre an dem aktuellen Bildungssystem verbesserungswürdig?

Stelzer: In Oberösterreich sind wir einen Schritt voraus – wir haben mit dem laufenden Schuljahr bei den Neuen Mittelschulen die Schulsprengel abgeschafft und mit dem Bildungskompass den Übergang vom Kindergarten in die Schule wesentlich verbessert. Aber kein Thema ist insbesondere auf Bundesebene ideologisch so belastet, wie die Bildung. Umso mehr freut mich eine mögliche Einigung auf das Autonomiepaket. Aber es gibt noch viel zu tun, als erstes müssen wir wie gesagt die Digitalisierung in die Klassenzimmer bringen.

 

Wie beurteilen Sie die Neuerungen des vor kurzem beschlossenen Schulpaketes wie Cluster-Schulen oder autonome Lehrerbestellung?

Stelzer: Ich sehe es als Weiterentwicklung unseres Bildungssystems und gehe davon aus, dass dieses davon profitieren wird. Oberösterreich steht für Pilotprojekte zur Verfügung.

 

Wie stellen Sie sich die Schule in der Zukunft vor?

Stelzer: Das Klassenzimmer der Zukunft ist digital. ich sehe Schüler, die am Tablet und PC unterrichtet werden, Volkschüler, die bereits mit den Grundbegriffen des Programmierens vertraut sind und Lehrpläne, die auf die Stärken und Schwächen der einzelnen Schülerinnen und Schüler abgestimmt sind.

 

Wie bewerten Sie die Rolle der sozialen Netzwerke in der Politik?

Stelzer: Für junge Menschen ist es eine Möglichkeit sich zu informieren und mit Politikern in Kontakt zu treten, ihnen ihre Meinung auf direktem Wege zu sagen. Auch ich nutze es, um eine weitere Möglichkeit zu haben bei den Menschen zu sein. Ich rate aber, die Informationen aus den Social Media genau zu hinterfragen und ich bin auch dagegen, wenn dieses vermeintlich anonyme Medium dazu verwendet wird, Menschen anzugreifen.

 

Der Jugendschutz ist in Österreich nicht zentral geregelt, wird also autonom von den einzelnen Bundesländern verwaltet. Das ist relativ umständlich und es wird seit einigen Monaten diskutiert, die Jugendgesetze auf Bundesebene zu regeln. Sind Sie ein Befürworter dieser Idee?

Stelzer: Ich trete für eine Harmonisierung aller relevanten Jugendschutzbestimmungen ein. Niemand hat Verständnis dafür, warum es beim Jugendschutz keine einheitlichen Regelungen gibt.

 

Momentan befindet sich die ÖVP Oberösterreich in einer Koalition mit der FPÖ, diese Kombination scheint zumindest in Oberösterreich relativ harmonisch zu sein. Warum funktioniert diese Zusammenarbeit so gut?

Stelzer: Es liegt wie immer an den handelnden Personen. In den großen Fragen des Landes strebe ich jedenfalls an, alle Parteien einzubinden. Das ist meine Grundlinie.

 

Streben sie auch 2021 wieder eine Koalition mit der FPÖ an?

Stelzer: Bis dahin kann und wird noch viel passieren. Ich strebe an, dass die ÖVP 2021 wieder ordentlich zulegt.

 

In einem Profil-Interview haben Sie letztens gesagt, sie wollen „Wähler von der FPÖ“ zurückholen. Wie wollen Sie dies bewerkstelligen und wieso sind Ihnen die Wähler überhaupt abhandengekommen?  Link                        

Stelzer: Mir ist schon klar, dass wir es verabsäumt haben, uns gewisser Themen, die die Menschen beschäftigt haben rechtzeitig anzunehmen. Asyl- und Ausländerfragen sind Fragen, die sich die Leute stellen, und da muss auch eine Nummer-eins-Partei wie die ÖVP Antworten haben.

 

Nach den Wahlen 2015 sind mit Gertraud Jahn und Doris Hummer die letzten beiden Frauen aus der Regierung verschwunden, es war de facto eine reine Männerregierung. Jetzt sind gottseidank mit Birgit Gerstorfer und Christine Haberlander zwei Frauen in der Regierung. Das Verhältnis ist aber immer noch erschreckend. Wie gedenken Sie, dieses Problem der Unterrepräsentation der Frauen zu lösen? Welche Rolle wird Frauenpolitik in ihrer Amtszeit spielen?

Stelzer: Zunächst bin ich sehr froh, dass wir mit Christine Haberlander erneut eine hoch qualifizierte Frau unter den ÖVP-Regierungsmitgliedern haben. Die Situation war in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht gut. Ich möchte aber betonen, dass bei den VP-Abgeordneten im Landtag die Frauenquote bei 38 % liegt und nicht zuletzt wird der VP-Klub von einer Frau geführt. Frauenpolitik liegt mir am Herzen und ich versichere, dass ich auch in Zukunft ein besonderes Auge darauf haben werde. Es ist noch ein weiter Weg, aber wir werden ihn gehen.

 

Zum Schluss noch: Josef Pühringer trug ja den Spitznamen „Landespepi“ – Was wird denn ihr Spitzname sein?

 

Stelzer: Einen Spitznamen kann man sich ja nicht selbst geben. Ich habe schon „Major Tom“ gehört, verspreche aber nicht wie dieser abzuheben.

 

 

von Lena Leibetseder

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